Der Konzeptkünstler Rémy Zaugg starb im August 2005 nach kurzer Krankheit in einer Arlesheimer Klinik. Er hinterliess eine Frau, eine Tochter sowie ein umfangreiches Werk. Obwohl mit 62 Jahren früh verstorben, schien der Nachlass geregelt. Eine Monografie war geschrieben, die der Nachwelt den autorisierten Blick auf sein Schaffen vermittelt. Eine Stiftung war gegründet, um sein künstlerisches Andenken zu wahren. Ein repräsentatives Haus hatte die Stiftung zudem gekauft, um die Werke in musealer Form sichtbar zu machen. Doch es kam alles anders.

Dass Zaugg nicht in Vergessenheit geriet und mit der Mehrheit aller Künstler im schwarzen Loch der Kunstgeschichte verschwand, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Hans Furer, Basler Anwalt und Baselbieter Politiker, Kunstsammler und Künstler. Sein neuester Streich: Er hat das Kunstmuseum Basel verpflichtet, eine Rémy-Zaugg-Restrospektive zu veranstalten. Der Preis dafür ist, dass Furer seine Sammlung an Zaugg-Werken dem Museum vermacht. Der Lohn ist die museale Adelung des von ihm bewunderten Künstlers. Es ist die beste Gewähr, ihn vor dem kollektiven Vergessen zu bewahren.

Der Förderer, Fürsorger und Nachlassverwalter

Furer ist ein früher Förderer des zwölf Jahre älteren Zaugg. Mit 33 Jahren habe er erstmals eines seiner Werke gekauft. Er verschaffte ihm grosszügige Atelierräumlichkeiten in Allschwil, als der Künstler finanziell nicht auf Rosen gebettet war. Er überwies ihm monatliche Zuwendungen mit dem Recht, hin und wieder ein Werk in Besitz zu nehmen. Furer ist es auch gewesen, der zu Zauggs Lebzeiten dessen künstlerisches Überleben plante. Er vermittelte den Kunstjournalisten Gerhard Mack als Biografen, er gründete in Basel die Rémy-und-Michèle Zaugg-Stiftung. Doch die Vorsorge schien vergebens.

Die Stiftung hat aus gutem Grund den Namen beider Ehepartner getragen. Rémy war zwar der Konzepter seiner Kunst, doch entstanden sind die Schriftbilder weitgehend durch die genaue Hand seiner Frau Michèle. Das Verhältnis der Künstlerpaars zueinander war fürsorglich, zuweilen aber angespannt, erzählen Begleiter. Vor allem war aber nach Rémys Tod nichts mehr, wie es vorher war.

Hans Furer, Anwalt, Kunstsammler, Kunstförderer und Künstler.

In der Stiftung fand die Zerrüttung ihren Ausdruck. Michèle stellte die angedachte Nachlassregelung grundsätzlich infrage. Bereits ein Jahr nach Rémys Tod musste die Stiftungsaufsicht einschreiten und einen Zwangsverwalter einsetzen. Michèle hatte sich mit Furer, dem Präsidenten der Stiftung, heillos zerstritten. Furer demissionierte, die Stiftung war handlungsunfähig.

Michèle wollte auch nichts mehr vom Stiftungsprojekt wissen, das «Maison Turberg» in Pruntrut zu einem Zaugg-Zentrum auszubauen. Den Handwerkern wurden Rechnungen in Höhe von 700'000 Franken nicht bezahlt. Denn die Werke Zauggs, die zur Finanzierung des Umbaus hätten verkauft werden sollen, waren spurlos verschwunden, von Michèle abtransportiert. Die Stiftung wurde in Konkurs gesetzt, die Immobilie an den einzigen Bieter günstig zwangsverwertet. Mittlerweile hat dort der ehemalige jurassische Regierungsrat Pierre Kohler ein Kunsthaus ohne Belang eingerichtet.

Die Familien- und Nachlassgeschichte Zaugg nahm einen weiteren tragischen Verlauf. Das Verhältnis des Ehepaars zu ihrer psychisch labilen Tochter Pascale war schon zu Rémys Lebzeiten kompliziert. Nach seinem Ableben schien es zu einer Annäherung zwischen der Tochter und der Mutter zu kommen. Pascale lebte zeitweise in Monaco, zeitweise in der Psychiatrie, zeitweise aber auch gemeinsam mit der Mutter in Pfastatt, einem Vorort von Mulhouse. Dort hatten die Architekten Pierre de Meuron und Jacques Herzog ihrem Freund Rémy auf dem 8000 Quadratmeter grossen Areal einer alten Spinnerei die für ihn ideale Werkstätte geschaffen. Mit Park, einem etwas heruntergekommenen Herrenhaus, einem Pförtnerhaus und einem von ihnen neu gebauten Ateliergebäude.

Die Familientragödie im elsässischen Pfastatt

Michèle, selbst isoliert, fühlte sich mit der Zeit von ihrer Tochter zunehmend bedroht. Am 24. Januar Jahr 2014 wurde sie tot im Pförtnerhaus des Anwesens aufgefunden. Sie lag dort seit zwei Tagen, getötet mit zehn Schlägen eines stumpfen Gegenstandes. Die Tochter war vermisst. Sie wurde von der Polizei ebenso gesucht wie ein Nachbar, mit dem Michèle im Streit lag.

Nach einigen Tagen tauchte die Tochter verwirrt auf dem abgesperrten Gelände auf. Der Verdacht, dass sie die Tat begangen hat, bestätigte sich. Im Dezember 2016 kam es in Colmar zum Prozess. Die Zeitung «L’Alsace» berichtete, dass zwei psychiatrische Gutachter bei Pascale Schizophrenie und eine Paranoia diagnostizierten. Sie sei schuldunfähig und werde in einer psychiatrischen Anstalt sicherheitsverwahrt. Zu einem Schuldeingeständnis sei sie nicht in der Lage gewesen, schrieb die Zeitung. Die Indizien waren jedoch eindeutig.

Der Tiefpunkt der Familien- und Künstlergeschichte Zaugg war erreicht. Das Künstlerpaar tot, die Kunst in irgendwelchen Depots versteckt. Doch Furer arbeitete weiter am Vermächtnis.

Der Schenkungsdeal mit dem Kunstmuseum

Der Anwalt hatte seine ganze Erfahrung als Stiftungs- und Kunstsachverständiger in die Waagschale geworfen, um sich bereits 2010 die Urheberrechte an Zauggs Werk zu sichern. Diese waren zuvor in der Konkursmasse der Stiftung verschüttet. Seither gehören sie ihm, und wer Zauggs künstlerische Arbeit etwa für eine Buchpublikation nutzen will, der hat zuerst bei Furer um Erlaubnis zu fragen.

Geldmacherei ist allerdings nicht Furers Absicht. Im Gegenteil. Ebenfalls 2010 gründete das kinderlose Ehepaar Hans und Monika Furer Brunner eine eigene Stiftung, in die es einen Grossteil seiner Kunstsammlung einbrachte. Die Sammlung besteht vor allem, aber nicht ausschliesslich aus Werken von Zaugg. Der Stiftungszweck beinhaltet, die Werke der Öffentlichkeit im Raum Basel und der Nordwestschweiz zugänglich zu machen, «vorzugsweise im Kunstmuseum Basel».

Furer hatte sich einen besonderen Plan ausgedacht. Unter besonderen Umständen soll die Zaugg-Sammlung an das Kunstmuseum fallen. Werden sie dort nicht ausgestellt, kann sie Furer weiterhin bei sich haben, entweder in seiner Anwaltskanzlei in Basel oder auch im jurassischen Grandgourt. Dort hat er das Priorat des Klosters Bellelay erworben, eine Gründung der Cluniazenser-Mönche aus dem 12. Jahrhundert, und als historisches Gemäuer saniert.

Am 28. März 2011 hat das Kunstmuseum den Vertrag mit dem Ehepaar Furer unterschrieben. Im Artikel 3 verpflichtet sich die staatliche Institution, «in den nächsten sechs Jahren nach Unterzeichnung eine Ausstellung zu organisieren mit sämtlichen Werken von Rémy Zaugg aus der Sammlung Hans und Monika Furrer Brunner». Es sollten in der Ausstellung «zusätzliche Positionen, die in der Sammlung vertreten sind, gezeigt werden». Namentlich Werke von John Baldessari, Lawrence Weiner, On Kawara.

«Ist man im Kunstmuseum so verwöhnt?»

Das Kunstmuseum, das mit der Kuratorin Nina Zimmer im Stiftungsrat der Furer-Stiftung vertreten war, zeigte allerdings wenig Interesse, die noch vom Direktor Bernhard Mendes Bürgi tatsächlich unterzeichnete Vereinbarung umzusetzen. Im Januar 2016 platzte dem Galeristen Victor Gisler ob der Untätigkeit des Museums der Kragen. Gisler, ebenfalls Mitglied des Stiftungsrates, hat einen besonderen Zaugg-Bezug. Zusammen mit dem Berliner Claes Nordenhake ist er einer der zwei Galeristen, die den Schweizer Künstler unter Vertrag hatten und seine Werke weiterhin in ihren Galerien anbieten.

Aus einem Stiftungsratsprotokoll, das der Zeitung vorliegt, geht hervor, dass Gisler am guten Willen des Museums zweifelte: «Offenbar ist man im Kunstmuseum so verwöhnt, dass die hier zur Debatte stehende Ausstellung mit den vertretenen Künstlern nicht besonders wichtig erscheint.» Dies sei mindestens sein Eindruck.

Furer gab zu Protokoll: Die Verpflichtung sei auf der «long list» des Museums verblieben, obwohl «mehrmals und wiederholt» mit Zimmer über die Ausstellung gesprochen worden sei. Josef Helfenstein, der neue Museumsdirektor, habe zudem Zweifel geäussert, ob dem Kunstmuseum im Gegenzug zu einer Ausstellung überhaupt etwas geschenkt werde, und um welche Werke es sich denn konkret handle. Ein weiteres Schreiben von Furer an das Kunstmuseum sollte diesen Vorbehalt ausräumen. Darin heisst es: «Ohne Rücksicht auf steuerliche und andere Aspekte sind die Stifter bereit, sämtliche Werke dem Kunstmuseum bedingungslos zu schenken, wenn die Ausstellung stattfinden wird.»

Hans Furer redet nicht über das Protokoll. Er sagt: «Es hat mit dem Direktionswechsel beim Kunstmuseum eine gewisse Verzögerung gegeben, aber Helfenstein hat dem Kurator völlig freie Hand bei der Realisierung der Ausstellung gelassen.»

Die Abhängigkeiten des Kunstmuseums

Dass zwischen Helfenstein und Furer nicht die grosse Freundschaft ausgebrochen ist, ist in Kunstkreisen ein offenes Geheimnis: Helfenstein wird eine Ausstellung aufs Auge gedrückt, die nicht die seine ist. Zudem trägt Furer im Kunstmuseum gar viele Hüte: Er ist Kassier im Vorstand der Freunde des Kunstmuseums. Will Helfenstein Gönnergeld anzapfen, kann er es sich mit den Freunden und ihrem Kassier nicht verscherzen.

Furer ist auch Geschäftsführer der Sammlung Im Obersteg. Diese hat 190 Werke als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum übergeben, dafür aber vertraglich ausgreifende Bedingungen gestellt: Im Zwischengeschoss des Hauptbaus haben periodisch wechselnde Ausstellungen zu Themen der Sammlung zu sehen sein. Zudem, so vermeldete das Museum selbst: «Alle fünf bis acht Jahre wird eine repräsentative Überblicksausstellung der Sammlung im Kunstmuseum gezeigt.» Es ist für das Museum ein Knebelvertrag.

Der Kunstsammler als suspekter Künstler

Ganz skeptisch, so wird erzählt, macht die Museumsprofis, dass Furer auch eigene künstlerische Ambitionen pflegt. Seit 1975 unterhält er ein eigenes Atelier. Ambitioniert ist zumindest seine Strukturiertheit. Er führt einen Werkkatalog, wie er ihn jedem Künstler empfiehlt, dessen Nachlass überdauern soll. Er produziert bildnerische Serien über Jahre, die ihn diesbezüglich in eine Linie mit Gerhard Richter stellen. 2014 feierte Furer sein Outing als Künstler und zeigte erstmals Werke aus dem Fundus seiner 800 Gemälde. Seither sind sie auch zu kaufen; Bilder kosten 5000 Franken, Zeichnungen 500 Franken. Ratenzahlungen sind gemäss Preisliste «bei besonderen Verhältnissen» möglich.

Für das Kunstmuseum ist Furer eine Zumutung, da ambitionierte Laien jeden professionellen Betrieb verunsichern. Die Verpflichtung, die Sammlung Furer zu zeigen, ist das Museum jedoch eingegangen. Es ist ein Geben und Nehmen. Ulla Dreyfus, deren Privatsammlung ebenfalls im Kunstmuseum gezeigt wurde, hat dem Museum dafür zwei wertvolle Altmeister-Zeichnungen von Pieter Bruegel d. Ä. und Hans Baldung Grien geschenkt. Diese Woche hat die Basler Regierung offiziell von Furer das Geschenk von 24 Zaugg-Bildern angenommen und verdankt.

Furer ist nicht frei von Eitelkeit, aber noch mehr gefangen von der Mission, dem Zaugg einen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern. Dazu muss sein Künstler ausgestellt werden. 2015 gelang eine Ausstellung im deutschen Singen. Der Zaugg-Biograf Mack feierte sie als «Neuentdeckung des Werks». Die gleiche Ausstellung wurde danach in Madrid gezeigt. Furer nutzte dafür die Kontakte, die er über die Ausstellung der Im-Obersteg-Sammlung in der spanischen Hauptstadt aktiviert hatte.

Das Museum macht den Wert des Künstlers

2017 spannten drei jurassische Museen zusammen, um den Künstler aus ihrer Region zu ehren. Doch Furer sieht Zaugg nicht als Regionalgrösse, auf die er durch die Präsentation reduziert wurde. Das Basler Kunstmuseum soll nun für den richtigen Kontext sorgen: Zaugg in einem international renommierten Haus und im künstlerischen Kontext global anerkannter Künstler wie John Baldessari.

Furer weiss um das Gewicht des Kunstmuseums für den Kunstmarkt. Helfenstein hat es vorgemacht mit seinem Engagement für US-Künstler Sam Gilliam. Er ermöglichte ihm in seinem Haus eine eigene Ausstellung. Der Künstler revanchierte sich, indem er dem Museum zwei Werke schenkte, ein weiteres Monumentalwerk von sieben Meter Breite erwarb die Stiftung für das Kunstmuseum. Und Furer sagt: «Die Preise von Gilliam auf dem Kunstmarkt steigen seither.» Gelingt der Coup, wird künftig auch Zaugg auf dem Kunstmarkt wieder verstärkt gefragt sein.

Bei steigenden Preisen werden wohl noch viele Werke Zauggs auf dem Kunstmarkt auftauchen. Unbekannt ist, wie viele es gesamthaft sind, wo sie sich befinden, wem sie eigentlich gehören. Anders als Furer hat Zaugg kein Werkverzeichnis angelegt. Der französische Staat hat nach Michèles Tod in Pfastatt aber rund 150 Bilder sichergestellt und nach Dijon gebracht. Sollte es darum gehen, die Kosten der Tochter Pascale in der Psychiatrie zu decken, können diese Stück für Stück verwertet werden.

Aufgrund einer Erbteilung nach Rémys Tod gehört ein Teil der Bilder der Tochter Pascale. Bei anderen ist die Eigentumsfrage offen: Fallen sie ebenfalls an Pascale als einzig Verbliebene der Familie oder ist sie nach dem Tötungsdelikt und nach französischem Recht erbunwürdig?

Das Geheimnis der verschwundenen Bilder

Und wo sind die verschwundenen Gemälde? Galerist Claes Nordenhake hatte mit Pascale einen Vertrag abgeschlossen, dass er ein Konvolut von Zaugg-Werken in den Handel bringt, die sie in einem Kunstlager auf dem Basler Dreispitz hinterlegt hatte. Als er nach erfolgter Zahlung die Bilder holen wollte, war das Depot allerdings geräumt, die Bilder waren verschwunden. Sie tauchten trotz Strafverfahren der Baselbieter Justiz nicht mehr auf.

Einige Werke, so sagen verschiedene Quellen, seien weiterhin in einem Schweizer Depot. Wem sie gehören, interessiere den Lagerbetreiber wenig. Da ihm keine Gebühren bezahlt würden, nehme er sich aber das Recht, das er hat, und bringe hin und wieder ein Werk in den Verkauf.

So hat es sich Furer die Nachlassplanung zwar nicht gedacht. Doch er sagt, es kümmere ihn nicht, wenn immer neue Bilder auftauchten. Hauptsache, Zaugg erhalte das Ansehen, das ihm gebühre. Das Kunstmuseum Basel – nun im Besitz einer stolzen Sammlung von wichtigen Rémy und Michèle Zaugg Werken – ist ihm dazu Garant.