Es ist jetzt Herbst. Das Album «i,i» von Bon Iver bildet das Ende eines Zyklus. «For Emma, Forever Ago» war die Winterplatte, «Bon Iver» der Frühling, «22, A Million» der Sommer. Und jetzt eben Herbst. Der Herbst ist vielleicht die schönste Jahreszeit: Man hat den Sommer noch im Herzen und kann den Winter an kalten Tagen doch schon riechen.

Auch Sänger Justin Vernon schafft eine Verbindung zwischen Sommer und Winter. «22, A Million» war eine hitzig flirrende Platte, die von einer steten Unruhe geprägt war, wie ein heisser Abend am See mit aufziehenden Gewitterwolken. Seinen Gesang jagte Vernon durch allerlei Verfremder und Versteller, er, der einst so nahbare kauzige Bart-Folker, war niemals wirklich zu spüren.

Jetzt nimmt er einiges davon mit in den Herbst. Noch immer ist die Stimme Vernons oft technisch verändert und die musikalische Experimentierfreude überbordend. Er kommt seinem reduzierten Folk vom winterlichen «For Emma, Forever Ago» aber wieder näher.

Der Kreis schliesst sich auf natürliche Art: Mit «Hey, Ma» und «Naemm» sind sogar zwei der vielleicht besten Bon-Iver-Songs auf «i,i». Und es sind tatsächlich Songs, nicht einfach nur Skizzen und zusammengesetzte Fragmente. Die gab und gibt es beim 38-jährigen Amerikaner immer. Auch auf «i,i».

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Üppig wie die Farben des Herbstes

In einigen Liedern fliessen zu viele Ideen ineinander, und sie verschmelzen nicht immer. «iMi» (die kryptischen Songtitel hat er sich erhalten) beispielsweise vermengt Folk, Gospel, Noise, Umweltgeräusche, einen Beat, Bläser und noch viel mehr. Es ist durchgehend schön, vermeidet aber jede Zugänglichkeit. «iMi» hat eine beachtliche Liste an Beteiligten: James Blake ist natürlich dabei, aber auch andere Produzenten, Beatbastler, Saxofonisten ... . Fertiggestellt wurde das Album auf einer Ranch in Texas als Gruppenarbeit unter befreundeten Musikern, auch die Gebrüder Dessner von The National haben mitgemacht. Vielleicht auch deswegen darf man «i,i» als zumindest leicht überladen bezeichnen.

Aber es stört nicht. Es ist, wie wenn im Herbst die Blätter an den Bäumen in den unterschiedlichsten Farben leuchten. Viel von der Schönheit liegt genau in dieser Überforderung. Aug und Ohr können gar nicht alles gleichzeitig erfassen.

Bei jedem Hinhören entdeckt man ein neues Detail. Hört plötzlich einen weiteren Bläser, erkennt da die Streicher, kann der Gitarre nachspüren. Zumal «i,i» weit weg von der Experimentierweise eines «22, A Million» ist. Die Melodien sind leichter erkennbar, es ist nicht immer alles zerstückelt und verfremdet. Es ist sehr wenig zu viel auf dieser Platte und vieles genau ziemlich richtig. Die Kargheit des Winters kommt dann noch früh genug. Auch darauf freuen wir uns. Alles hat seine Zeit. Jetzt ist Herbst, Zeit für «i,i».