Kommentar

Zum frühzeitigen Rücktritt gedrängt: Die SP wird Christian Levrat noch vermissen!

Damals frisch gebackener SP-Präsident: Christian Levrat am 1. Mai 2008 bei seiner Ansprache.

SP-Präsident Christian Levrat steuert am Sonntag in seinem Heimatkanton Freiburg seiner Wiederwahl als Ständerat entgegen. Doch sein Partei-Amt wird er früher als geplant niederlegen – nach Kritik aus den eigenen Reihen. Dabei hat die SP die Wahlen nicht wegen, sondern trotz Levrat verloren.

Dass die SP die Nationalratswahlen verlieren würde, damit hatte kaum jemand gerechnet. Überraschend ist auch die jüngste Schlappe: Im grössten Westschweizer Kanton, der Waadt, büssten die Sozialdemokraten am Sonntag ihren Ständeratssitz ein. Dass SP-Präsident Christian Levrat gleichentags als Freiburger Ständerat wiedergewählt werden dürfte, ist ein schwacher Trost für ihn: Seit den Wahlen vom 20. Oktober steht er als Loser da. Prominente Partei-«Freunde» fordern seinen Rücktritt, darunter die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr. In der SP geht man davon aus, dass Levrat in Bälde seinen Abgang verkündet, obwohl sein Mandat bis Dezember 2020 läuft. Laut «NZZ am Sonntag» steht er kurz vor dem Rücktritt.

Levrats Kritiker liegen falsch, wenn sie ihm die SP-Verluste anlasten. Sie verkennen die widrige Grosswetterlage. Levrat ist der erfolgreichste SP-Chef in Europa: Verglichen mit 2008, als er mit 37 Jahren Präsident wurde, haben die Sozialdemokraten hierzulande ihren Wähleranteil stabil gehalten und in vielen Kantonen ausgebaut. In dieser Zeit aber sind die Sozis fast überall sonst abgestürzt: In Frankreich wurden sie pulverisiert, in Deutschland und Österreich halbiert. Hinzu kamen unter Levrat Erfolge an der Urne: Die SP hat Reformen der bürgerlichen Mehrheit etwa bei AHV und Unternehmenssteuern krachend versenkt.

Dem gewieften Strategen Levrat gelang es, den Gewerkschafts-, den sozialliberalen und den feministisch-junglinken Flügel zusammenzuhalten. Ein Kunststück in dieser bunten, zur Selbstzerfleischung neigenden Partei. Jetzt einfach subito eine «junge Frau» zu wählen, wie mehrfach gefordert, um neben den Öko-Parteien frischer dazustehen: Das allein wird die Probleme nicht lösen. Sie liegen tiefer. Die SP wird Christian Levrat noch vermissen.

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